Das kleine rote Herz

Gerade ist mir wieder der Schlüsselanhänger mit dem kleinen roten Herz in die Finger gekommen. Ein billiger Anhänger aus Plastik. Eher kitschig als schön und doch ließ es mir wieder warm ums Herz werden.
Vor ein paar Tagen habe ich bei einer Motorradtour eine Kaffeepause in einem Biergarten im südlichen Münsterland gemacht, der ist schon so etwas wie ein Stammrastplatz für mich. Dort kenne ich mich aus, dort treffen sich immer wieder ein paar Motorradfahrer und dort sitze ich immer direkt am Außenzaun, eine Art Jägerzaun.
Doch dieses Mal war der ganze Bereich in der Nähe des Zauns besetzt. Beinahe wäre ich weiter gefahren, das Gewohnte wurde plötzlich zur scheinbaren Gefahr. Ich brauchte aber diese Pause, habe doch noch ein ruhiges Plätzchen in der Nähe ergattert, konnte meinen Pott Kaffee in Ruhe genießen und die Menschen, die meine Stammsitzecke belagerten beobachten.
Es war eine Gruppe friedlicher Erwachsener Menschen mit geistigen Behinderungen mit ihren Betreuern. Viele kamen auch stolz wie Oscar mit ihren Tabletts mit Pommes oder Kuchen, von der Selbstbedienungstheke auf dem Weg zu ihren Plätzen an mir vorbei. Es machte mir Freude, die Freude dieser Menschen in ihren Gesichtern zu sehen und die anfängliche Unruhe in mir legte sich.
Was hat das aber mit diesem kleinen roten Herzchen zu tun?
Nun ja, auf dem Weg zu meinem Motorrad am Ende meiner Pause, kam ich an einen kleinen Stehtisch vorbei. Dort lagen viele Postkarten und ein Holzkästchen mit reichlich von diesen billigen Schlüsselanhängern. Alles war als Dankeschön für eine Teilnahme zur Wahl Deutschlands beliebtester Biergarten gedacht. Ich füllte gerade meine Teilnahmekarte aus, als neben mir einer dieser behinderten Menschen stand und sich diese Herzchen ansah. Eine der Betreuerinnen machte ihm aber klar, dass er nicht einfach so ein Herzchen mitnehmen darf, er müsse erst eine Karte ausfüllen. Dann war die Betreuerin auch schon weg. Der Mann, ca. 30 bis 35 Jahre alt, blieb aber stehen und sprach mich an, ob ich ihm auch eine Karte ausfülle. Erst wollte ich ihm nur den Kugelschreiber reichen. Ich kann doch nicht schreiben“ sprach er traurig und hat mich damit direkt überzeugt. Ohne zu zögern, nahm ich eine Karte und füllte sie für ihn aus. Es ist nicht einfach, diese Menschen zu verstehen und doch haben wir es gemeinsam geschafft. Er hat dann selbst akribisch seine Unterschrift auf die Karte gemalt und sie anschließend stolz in die gläserne Wahlbox gesteckt. Jetzt dürfen wir uns auch ein Herz mitnehmen“, damit gab ich ihm seine erhoffte Erlaubnis.
Voller Freude nahm Kuno S. sich eines dieser Herzchen und ging fast überglücklich zu seinem Tisch.
Auf den letzten 30 Metern zu meinem Motorrad lächelten mich, den ganz in schwarz gekleideten Biker, dann noch einige Menschen an, die uns beobachtet hatten.
3 Minuten Zeit und kleines, billiges, rotes Plastikherzchen können so viele menschliche Herzen wärmer werden lassen. Einige für ein paar Sekunden oder Minuten, andere vielleicht noch wochenlang.

(Foto: pixabay)

3 Gedanken zu “Das kleine rote Herz

    1. Bitte gerne. Ja, sooft ich dieses Herzchen sehe, sooft werde ich wohl daran erinnert. Nicht nur an diesen Moment, sondern auch daran, mit wie wenig Aufwand und Unvoreingenommenheit man andere Menschen glücklich machen kann oder ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubernn kann. 🙂

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